Wer aufs Leben steht, der sollte wissen: Auf zwei Beinen lebt es sich gesünder

08.08.2014

Wer lange leben möchte, muss früher aufstehen. Gemeint ist aber nicht die Morgenstunde, sondern der ganze Tag: Immer wenn es möglich ist, sollte man seinen Hintern bewegen, den Bürostuhl, den Autositz oder den Fernsehsessel verlassen, aufstehen und ein paar Schritte tun.

Das hätte nachweisliche Auswirkungen auf die Lebenserwartung, ermittelten US-amerikanische Epidemiologen: Würde die gesamte Bevölkerung weniger als drei Stunden am Tag im Sitzen verbringen, stiege ihre Lebenserwartung um zwei Jahre, so ihre Berechnung.

 

Und eine aktuelle Studie kommt zum Schluss: Wer in seiner Freizeit fünf oder mehr Stunden am Tag im Sitzen verbringt, entwickelt 34 Prozent häufiger eine Herzerkrankung als diejenigen, welche nicht länger als zwei Stunden am Tag sitzen. Das gilt zumindest für das männliche Geschlecht. Denn für die Untersuchung wurden 45- bis 69-jährige Männer fast acht Jahre lang beobachtet.

 

Wer sitzt, stirbt früher

Doch die Angelegenheit ist keineswegs auf die Couch Potatoes in Übersee beschränkt: Die sitzende Lebensweise verursacht in der Schweiz gemäss Bundesamt für Gesundheit jedes Jahr mindestens 2900 vorzeitige Todesfälle, 2,1 Millionen Krankheitsfälle und direkte Behandlungskosten in Höhe von 2,4 Milliarden Franken.

 

Und stetig steigt die Zahl der Stubenhocker. Zwar hat das allgemeine Wissen rund um die Gesundheit zugenommen, das heisst aber nicht zwangsläufig, dass wir uns gesünder verhalten. Der Zürcher Sportsoziologe Markus Lamprecht, einer der Gründer des Observatoriums «Sport und Bewegung Schweiz», konstatiert: «Man weiss zwar, dass Bewegung gesund ist. Aufgrund der sitzenden Lebensweise, der Motorisierung und des hohen Medienkonsums bewegt man sich im Alltag aber trotzdem deutlich weniger als vor 30 Jahren.»

 

In der Schweiz sind rund 350 000 Personen an Diabetes erkrankt. «Wartet der Diabetes im Stuhl?», fragen sich Wolfgang Schlicht und Jens Bucksch und nehmen in zwei aktuellen Fachartikeln die gefährlichen Folgen der sitzenden Lebensweise unter die Lupe. Schlicht ist Lehrstuhlinhaber des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart, Bucksch ist Geschäftsführer eines WHO-Centers für Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen an der Universität Bielefeld.

 

Die Gesundheitsforscher stellen fest: Heute verbringen Erwachsene mehr als die Hälfte ihrer täglichen Wachzeit mit sitzenden Verhaltensweisen. Sie sitzen auf dem Weg zur Arbeit in Autos, Bussen und Bahnen, sie sitzen während der Arbeit vor Monitoren und selbst ihre knappe Freizeit verbringen sie weitgehend sitzend, beim Fernsehen, beim Surfen im Internet oder beim Lesen.

 

Die Folgen sind dramatisch: «Sitzendes Verhalten erhöht statistisch bedeutsam das Risiko eines vorzeitigen Versterbens. Das gilt sowohl für die Gesamt- als auch für die kardiovaskuläre Sterblichkeit», stellen Schlicht und Bucksch fest. Nachgewiesen sei auch der risikosteigernde Effekt auf den Diabetes Typ-2, für Bluthochdruck, für einige Krebsarten und für die Bildung von Gallensteinen.

 

 

 

Kinder leben in einer Sitzwelt

Das Problem betrifft bereits Kinder und Heranwachsende. In der Schweiz ist jedes fünfte Kind zu schwer. Diese Zahl hat sich innerhalb von 20 Jahren verfünffacht. Einer der Gründe liegt wohl in der Tatsache, dass heute weniger Kinder zu Fuss oder per Velo die Schule erreichen, sondern sitzend dorthin transportiert werden. So fand die Basler Epidemiologin Bettina Bringolf-Isler in einer Studie mit 1345 Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden Bern, Biel und Payerne heraus: Im Zeitraum zwischen 1994 und 2005 hat der Anteil derjenigen, die aktiv in die Schule gelangten, von 78,4 Prozent auf 71,4 Prozent abgenommen. Dies ist vor allem auf eine Abnahme der Benützung des Velos zurückzuführen. Berthold Koletzko, Vorsitzender der «Stiftung Kindergesundheit», warnt: «Die Welt unserer Kinder wird mehr und mehr zu einer Sitzwelt.»

 

Busfahrer leben gefährlich

Die ersten Arbeiten über die erhöhten gesundheitlichen Folgen der sitzenden Lebensweise sind bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts erschienen. So haben Jonathan N. Morris und Margaret D. Crawford 1958 in einer epidemiologischen Studie die Häufigkeit von Herzerkrankungen zwischen britischen Busfahrern und den Busschaffnern verglichen, die in den Doppelstockbussen von London die Fahrkarten kontrollierten und verkauften. Schon damals ergab die Auswertung, dass die sitzenden Busfahrer ein deutlich höheres Risiko hatten, an Erkrankungen der Koronararterien zu sterben.

 

Was ist aber am Sitzen so gefährlich? Wolfgang Schlicht und Jens Bucksch fassen die bisher bekannten physiologischen Mechanismen so zusammen: «Im Zentrum der Überlegungen steht das Enzym Lipoproteinlipase. Es ist Teil des Fettstoffwechsels und wird während des Sitzens in seiner Produktion in den grossen Muskelgruppen offenbar gehemmt.» Fehlt Lipoproteinlipase, dann wird der Triglyzeridstoffwechsel beeinträchtigt. Das wiederum führt zu einer erhöhten Konzentration der Triglyceride und zu einem verringerten Spiegel des High Density Lipoprotein (HDL) im Blut. Auf diesem Wege erhöht sich mittel- und langfristig das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden.

 

Die Schlussfolgerung der beiden Gesundheitsexperten: «Wann es immer möglich ist, sollte man das Sitzen kurzzeitig unterbrechen, stattdessen Stehen oder einige Schritte umhergehen.» Bereits kurze, mehrminütige Unterbrechungen des Sitzens und gering intensive Aktivitäten reduzieren nämlich die gesundheitlichen Risiken.

 

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